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Ankunft

 

In dem Moment, als er aus seinem Kajak steigt und durch das Wasser auf mich zuwatet, weiß ich, dass mein schwedisches Abenteuer nur noch zwei mögliche Enden hat: Entweder wird es paradiesisch oder ein Fiasko.

Und ich könnte mich ohrfeigen für diesen Gedanken. Kaum taucht ein attraktiver Mann in einem eng anliegenden Neoprenanzug mit strahlend grünen Augen und verwuschelten brauen Haaren wie aus dem Nichts vor mir auf, denke ich nur noch in Extremen. Paradies oder Fiasko. Genau dieses Denken hat mich bereits in viele Krisen gestürzt. Und eigentlich bin ich hier auf die Insel gekommen, um einen Weg aus der letzten Krise zu finden. Wenn das hier allerdings so weitergeht wie die letzten Monate in Berlin, dann kann ich auch gleich wieder zurückziehen. Dann brauche ich keinen Krisen-Flucht-Trip, keine Ich-finde-zu-mir-Insel. Aber nein, zum Teufel, ich brauche all das!

Ich verbanne das Kribbeln, das in meiner Magengegend eingesetzt hat, irgendwo in den letzten Darmzipfel, schaue bewusst an dem Typen vorbei aufs Meer und ignoriere den süßen Singsang in seiner Stimme, als er mich auf Schwedisch fragt, ob es hier einen Supermarkt gebe.

Ich könnte ihm einfach den Weg erklären. Den Uferweg entlang, zwischen den Häusern hindurch, (ja, das zweite auf der rechten Seite ist meines, falls du später noch vorbeischauen möchtest) und nach etwa fünfhundert Metern wirst du ihn schon sehen. Das Angebot ist klein, immerhin leben wir hier auf einer überschaubaren Insel, aber gut sortiert. Der Mann hätte sich bedankt, wäre seines Weges gegangen und ich hätte mich zurücklegen und mich weiter auf den Trip der Selbsterfahrung begeben können.

Eigentlich nicht schwierig. Aber wäre ich in meinem bisherigen Leben nur in schwierigen Situationen gestrauchelt, wäre ich wohl ziemlich aufrecht hindurchgewankt. Ich habe aber das ausgeprägte Talent, einfache Momente in katastrophale Szenarien zu verwandeln.

Zunächst einmal sage ich, dass mein Schwedisch nicht allzu gut ist, was tatsächlich nicht gelogen ist, schließlich lebe ich erst seit drei Tagen in diesem Land. Daraufhin fragt er mich natürlich, woher ich komme. Aus Deutschland. Ach, wirklich? Ich auch, sagt er. Na klasse, kein heißer Schwede, sondern ein ordinärer Deutscher also. Deswegen bin ich tatsächlich nicht geflohen. Merkt er mir meine Enttäuschung an? Denn wie als Entschädigung erzählt er, dass er von Kopenhagen hierher gepaddelt sei – schlappe 300 Kilometer – und nun noch nach Oslo weiter wolle. Er ganz allein im Kajak? Aber natürlich. Er fährt sich durch die braunen Locken und lacht mich an. Das Kribbeln hat den Weg aus dem Darm zurück in den Magen gefunden und es gelingt mir nicht, es wieder dorthin zu verbannen, wo es hergekommen ist. Die Wasservorräte seien aufgebraucht, weshalb er dringend einen Supermarkt brauche.

„Wen hast du denn da aufgegabelt?“, höre ich die Stimme meiner schlecht gelaunten Tochter hinter mir. Der Mann schaut zu ihr, ich blicke genervt zu Boden, das Kribbeln hat sich aufgelöst.

 

 

 

Drei Tage zuvor

 

Das ist es also, das Haus meiner Träume. Der Ort meiner Zuflucht. Hier soll alles anders werden, besser. Und das wird es. In dem Moment, als ich die weißgestrichene Holzfassade, das kleine Dächchen über der Eingangstür, den Erker im ersten Stock und den hübschen weißen Holzzaun, der den kleinen Garten einhegt, sehe, weiß ich, dass alles gut werden wird.

Ich stelle den Rollkoffer neben mir ab, stemme die Hände in die Hüften und genieße den Moment. „Es war richtig, was du gemacht hast, Lena!“, schreit mir eine innere Stimme zu und ich kann nicht anders als laut zu lachen. Eine Last fällt von mir ab. Schließlich ist dieses Projekt von Anfang an mit gewissen Risiken verbunden gewesen. Nun ja, „gewiss“ ist dabei noch deutlich untertrieben, das Projekt ist, wenn wir ganz ehrlich sein wollen, der absolute Wahnsinn – im Guten wie im Schlechten. Aber dieses Mal habe ich mich nicht von dem kleinen Teufelchen mit dem großen Sicherheitsschild auf meiner Schulter ausbremsen lassen. Es hat ununterbrochen gemotzt und genörgelt. Willst du wirklich alle Brücken abbrechen? In Berlin bist du groß geworden, deine Karriere ist nur hier möglich gewesen. Schließlich kennen dich die Buchhändler, die Journalisten, die Veranstalter. Dein Lektor ist hier, der Verlag sowieso. Deine Freunde wohnen alle in der Stadt, und selbst das sind nicht viele, zumindest nicht viele richtige Freunde. Das Teufelchen verändert seine Position und kommt meinem Ohr näher, sodass es direkt über den Rand der Ohrmuschel in mein Hirn brüllen kann. Lena, willst du das wirklich alles aufgeben? Hier läuft es für dich. Du bist erfolgreich. Ob das auf deiner jämmerlichen Insel, auf die du dich verziehen willst, so bleibt, ist fraglich. Denk nur daran, was das Haus dort kostet! Das ist selbst für dich viel Geld. Und wie willst du von dort Werbung für ein neues Buch machen? Auf der Insel gibt es keinen Buchladen, in dem du lesen kannst. Und in Göteborg will dich niemand hören, weil du auf Deutsch schreibst. Hörst du! Du schreibst auf Deutsch, die Schweden brauchen dich nicht! Deine Flucht ist ein Höllenfahrtskommando. Bald wirst du wie ein geprügelter Hund zurück nach Berlin kriechen, aber ob dich dann noch jemand will? Die Literaturbranche ist eitel, das weißt du doch genau, Lena. Sie vergisst nicht, wenn du sie verrätst.

Es hat viele Flaschen Wein gekostet, um dieses nervige, fies grinsende Teufelchen von der Schulter zu fegen. Manchmal musste ich deswegen sogar joggen gehen – und das will wahrlich etwas heißen! Doch trotz aller Anstrengungen hat es das miese Ding mit seinem Sicherheitsschild immer wieder geschafft, mich zu verunsichern. Denn in vielem hat es ja Recht gehabt. Lena Hoffmann, nach Jahren der schriftstellerischen Tristesse endlich auf dem aufsteigenden Ast, die Freude des Verlags, omnipräsent auf allen möglichen Veranstaltungen, wo sie sich für die Klatschblätter dieser Stadt in neckischen Outfits mit den B- und C-Promis und manchmal sogar einem halben A-Promi ablichten lässt. Lena Hoffmann, die zwei, manchmal sogar drei Bücher pro Jahr auf den Markt wirft, vom Feuilleton zwar verrissen, von den Lesern aber geliebt, diese Lena Hoffmann will sich nach drei Jahren des Hypes plötzlich auf eine einsame schwedische Insel verziehen, um sich voll und ganz auf das Schreiben und sich selbst konzentrieren zu können? Keine Partys, keine selbsternannten Promis, keine Lesungen mit Autogrammstunde, keine Radio-Interviews, kein Auf-der-Straße-erkannt-werden, kein „Ach, Sie sind so toll! Ich liebe Ihre Bücher!“ mehr. Stattdessen lange Spaziergänge am felsigen Strand, einsame Abende mit einem Glas Wein, Gespräche mit mir selbst, vielleicht fange ich sogar mit Yoga an. Und natürlich schreiben, schreiben, schreiben, bis mir der Rücken schmerzt und die Augen tränen, weil sie nicht länger in den Bildschirm gucken, sondern wieder das Meer sehen wollen.

Ein verrückter Plan, der vor einem halben Jahr in mir zu keimen begann. Ich weiß noch genau, wann sich der Gedanke an eine Flucht zum ersten Mal in mein Hirn geschlichen hat. Es war am späten Neujahrsmorgen. Mit einem mörderischen Kater, der mich bei jeder noch so kleinen Bewegung killen wollte, wachte ich auf. Irgendwie quälte ich mich aus dem Bett und stellte mich vor den mannshohen Spiegel am Kleiderschrank. Ich bin dünn, die kleinen Brüste hängen noch ungefähr da, wo sie sollen und sind noch weit von Bauchnabelhöhe entfernt. Aber das Dekolleté runzelt sich auffällig und unwiederbringlich. Vorbei sind die Tage, in denen ich mit der größten Selbstverständlichkeit mit einem tiefen Ausschnitt herumlaufe. Mittlerweile überlege ich immer öfter, ob ein leichtes, seidenes Halstuch nicht doch auch ganz gut zum Oberteil passen könnte. Und dann die Beine. Dünn und schlank sind sie. Aber an der Seite und am Übergang von Oberschenkel zum Po, da erstreckt sich inzwischen eine formidable Kraterlandschaft. Nicht schlimm, sagen meine Thai-Masseurin und Jana, mit der ich mich regelmäßig in der Sauna treffe. Bei anderen in meinem Alter sei das viel schlimmer. Hallo? Was zum Teufel ist das denn für ein Spruch? Kennt ihr das? Natürlich kennt ihr das! Was um alles in der Welt hilft es mir, wenn es bei anderen schlimmer ist? Was soll dieser Kommentar? Ich sage doch auch nicht zu einem armen Schlucker, der nicht weiß, wie er sich die nächste Mahlzeit leisten soll, er solle sich mal nicht so anstellen, schließlich gebe es in der Welt sehr viele Menschen, die weitaus ärmer seien. Das macht seine Armut nicht besser. Und meine Cellulite verschwindet davon genauso wenig. Als ich dann beim letzten Sauna-Besuch zu Jana gesagt hatte, dass ich ihr Gejammer, weil ihr Mann sie verlassen hat, echt anstrengend fände und auch ein wenig arrogant all denen gegenüber, die nach noch mehr Ehejahren und mit noch mehr Kindern verlassen worden sind, hat sie mich entgeistert angeschaut und dann empört die Sauna verlassen. Auf meine Nachricht, dass das doch nicht so gemeint gewesen sei, bekam ich nie eine Antwort. Gut, ich weiß, es war vielleicht ein wenig taktlos von mir. Aber dennoch habe ich doch Recht, oder?

Jedenfalls stand ich so vor dem Spiegel, begutachtete zuerst meine Dellen und Falten und dann den Mann, der schnarchend in meinem Bett schlief, als gehöre er fest dorthin, dabei wusste ich nicht einmal, wie er hineingekommen war. Geschweige denn, wie dieser Mann überhaupt hieß. Ja, er hatte sich gestern während des Silvester-Dinners irgendwann an meinen Tisch gesetzt und von meinen Büchern geschwärmt. Soweit nichts Besonderes. Er war attraktiv und sicherlich zehn Jahre jünger als ich. Und ich wusste, dass er nicht mit mir geschlafen hatte, weil er mich mochte oder meinen Körper, sondern weil er mit der Autorin Lena Hoffmann schlafen wollte. Das ist die eine Sorte Männer. Bei ihnen muss man aufpassen, dass sie nicht heimlich ein Bild mit ihrem Smartphone machen, das dann völlig unkontrollierbar durch die sozialen Netzwerke rast und natürlich früher oder später bei den Klatschblättern landet. Sehr zur Freude des Verlags, weil er wieder einmal kostenlose Publicity bekommt, sehr zur Unfreude von Sophie, meiner Tochter, die in der Schule allenfalls hämische Kommentare zu hören bekommt. Die andere Sorte von Männern steht morgens vor dir auf und überrascht dich mit einem wundervollen Frühstück. Wenn du aus dem Bett torkelst und in die Küche kommst, sehen sie vom Zeitunglesen auf und empfangen dich mit dem nettesten Lächeln. Sie schenken dir Kaffee ein, fragen höflich, ob du Milch und Zucker brauchst, sie haben deinen Kühlschrank ausgiebig untersucht und frische Croissants vom Bäcker besorgt. Das alles ist schön und dennoch ein riesiges Problem. Denn diese Männer wollen nicht mehr gehen. Sie möchten am liebsten sofort bei dir einziehen und spätestens morgen mit der Planung der Hochzeit beginnen. Manche fragen sogar danach, ob man verhütet. Und das machen sie nicht, weil sie fürchten, in der Nacht ungewollt ein Kind gezeugt zu haben, sondern weil sie genau das erhoffen!

Beide Sorten von Männern sind höchstproblematisch. Dummerweise haben in den letzten Jahren aber nur sie den Weg in mein Bett gefunden.

Ich zog mich an, dann riss ich die Bettdecke weg, packte den etwas überrumpelten Mann und zog ihn aus dem Bett. „War schön mit dir“, sagte ich und drückte ihm währenddessen seine Klamotten, die überall auf dem Fußboden verstreut herumlagen, in die Hände. „Du gehst jetzt besser.“ Er stammelte irgendwas, zog sich umständlich die Unterhose an, während ich ihn über den Flur zur Wohnungstür trieb. Als ich die Tür öffnete, hatte er bereits das T-Shirt an. Genug, um ins Treppenhaus geschoben zu werden. Ich hörte Protest und auch ein wenig Verwunderung, aber es war mir egal. Ich schubste ihn nach draußen und warf ihm die Schuhe hinterher. Gerade noch so konnte ich erkennen, wie er die Jeans anzog, dann fiel die Tür zu.

Ich lehnte mich an die Wand, schloss die Augen und da kam er – der Gedanke. Weg! Ich muss weg von hier!